• Sandra

FINDE DIE SONNE


Mit dem Blick aus dem Fenster wird es mir klar. Der kalte Wind bläst den Pulverschnee von den Bäumen und taucht die Landschaft in ein eisiges, weißes Meer. OK, ganz so romantisch ist es dann vermutlich nicht, wenn der Schneepflug seine unüberhörbaren Runden zieht und einem beim Spaziergang das Tröpfchen im rechten Nasenloch gefriert. Aber wir betrachten ja das Glas halb voll, nicht wahr?



Nach vier Wochen am anderen Ende der Welt muss ich mich schließlich der gewohnten Realität stellen - Ananas und luftige Kleidchen gibt es erst wieder im Sommer. Klar, in den letzten Tagen zwischen Palmen und Sandstrand wuchs auch wieder die Vorfreude auf zuhause – auf das kuschelige Bett und das wohlige Gefühl der eigenen vier Wände. Immerhin bin ich auch wirklich eine Winterliebhaberin, noch dazu eine leidenschaftliche Skifahrerin – und übrigens noch heute davon überzeugt, dass ich - wäre ich nur in die Schihauptschule gegangen – eine fabelhafte Marlies Schild abgegeben hätte. Andererseits wird mir aber auch erst zurück im eigenen Heim bewusst, wie total unbekümmert, frei und fern von allen Gedanken, Plänen und Vorhaben ich die letzten Wochen von Tag zu Tag gelebt habe. Die Rückkehr brachte die Erkenntnis, dass die Zeit niemals stehen bleibt, egal wie sehr man es sich wünscht, diesen einen „Stopp-Knopf“ endlich zu finden, um für ein paar Minuten das Rad anzuhalten. Währenddessen habe ich schließlich für mich erkannt, dass ich eindeutig ein Sommerkind bin – nicht, weil der August mein Geburtsmonat ist und völlig egal wie gern ich mich im Schianzug als Michelin Männchen präsentiere. Im Sommer scheinen mir die Tage leichter – die Chancen auf ein sonniges Gemüt größer.


Anscheinend ist es so vorgesehen, dass der Körper in den Wintermonaten zurückfährt. Anscheinend sind wir da Teil der Natur, die von November bis März auf Energiesparmodus umstellt. Anscheinend ist es normal zu dieser Jahreszeit „ruhiger“ zu leben. Doch um ehrlich zu sein, war für mich persönlich dieser Kontrast Sommer Winter noch nie so spürbar, wie dieses Jahr, als ich versuchte dem Dezember zu entfliehen, um in den winterlichen Jänner zurückgeworfen zu werden. Darf man eigentlich laut aussprechen, dass nicht jeder Tag Friede Freude Eierkuchen ist? Wann hört man schließlich auf die Frage „wie geht es dir“ ein „naja, geht so“ oder ein „weniger gut“ – wenn es nicht gerade auf die 40 Grad Fieber oder den frischen Bandscheibenvorfall geschoben werden kann? Die Vietnamesen sind ein Volk, die gerne ihr Gesicht wahren. Ich meine, wenn es unsere Gemütslage betrifft, unterscheiden wir uns gar nicht so sehr von dieser Fassaden-Praxis, eine gute Miene aufzusetzen und dem anderen, vermutlich auch einfach jene Antwort zu geben, die er am liebsten hören will: „alles gut“. Aber wer weiß dann überhaupt, wie es dir wirklich geht? Es gibt ja so viele Nuancen von gut und schlecht, ohne mit einem „heute fühle ich mich etwas schwer und motivationslos“ gleich seine aktuelle, sehr persönliche Lebenssituation zu offenbaren. Ich denke, wir wären uns alle noch viel näher, wenn wir etwas offener und ganz ehrlich das ansprechen, was vermutlich manch andere ebenso fühlen. Ich denke, dass ist der erste Schritt: sich selbst anderen zumuten! Der zweite handelt vom zuversichtlichen Optimismus. Der versteckt sich gerne mal und lässt sich mühevoll wie eine Diva bitten und betteln. Nachdem ich also akzeptiere, wie es mir geht (gut oder schlecht) und frei von der Leber dazu stehe, kann ich entscheiden, mich hinter diesem Gefühl zu vergraben oder eine andere Richtung einzuschlagen. Meine gewährlose Empfehlung nebenbei: wenn es dir gut geht, entscheide dich, dein Lachen zu behalten.


Beim Blick aus dem Fenster habe ich mich auf die Couch fallen lassen. Ich fühlte mich in diesem Moment noch nicht bereit, nicht stark genug, eine andere Richtung einzuschlagen. Ich versuchte mir zu sagen: „das ist das, was du jetzt brauchst“. Keine Ahnung, ob das tatsächlich stimmt oder nur eine heuchlerische Masche ist, um das pochende Gewissen zu dämpfen. Irgendwann, nach Stunden der siebten Wiederholung von Grey’s Anatomy, habe ich eine Entscheidung getroffen. Die Entscheidung, aufzustehen und mein Lachen hervorzuholen. Auch im tiefsten Winter kann ich nämlich Sonne finden. Wenn schon nicht in Form eines brennenden Balles um 16:30 Uhr abends, kurz vor Sonnenuntergang, 149,6 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, dann sicherlich in meinem Herzen, wenn ich selbst im Dunkeln entscheide, mein Gemüt zu wärmen. Aber bitte, sei nicht traurig, wenn du manchmal das Licht für eine Weile ausschalten musst... wir wissen, es geht nur darum, dass du den Schalter wieder findest, um es hell werden zu lassen.


Sonnige Wintergrüße

Sandra

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